Wenn du im Bauwesen mit Elektroinstallationen zu tun hast, hast du sie sicher schon gesehen: die schweren, manchmal hydraulischen Zangen, die Kabelenden mit einem klickenden Druck zusammenpressen. Aber was genau passiert da eigentlich? Und warum heißt es oft „Klebetechnik“, obwohl kein Kleber im Spiel ist? Die Antwort ist einfach: Es ist kein Kleben. Es ist Crimpen. Und das macht den Unterschied zwischen einer sicheren Verbindung und einem potenziellen Brandherd.
Was ist Crimpen - und warum ist es kein Kleben?
Der Begriff „Klebetechnik“ im Zusammenhang mit Kabeln ist irreführend. In der Elektroinstallation wird kein Kleber verwendet. Stattdessen wird ein mechanischer Vorgang angewendet: das Crimpen. Dabei wird ein Metallverbinder - meist ein Kabelschuh oder eine Steckverbindung - um die abisolierten Kabeladern gelegt und mit einer speziellen Zange so stark zusammengedrückt, dass sich das Metall in die Kupferadern einpresst. Die elektrische Verbindung entsteht durch metallischen Kontakt, nicht durch Klebung. Das ist der entscheidende Unterschied zu Klebtechniken im Leichtbau, wo z. B. Dichtbänder oder Klebstoffe zwischen Bauteilen haften. Hier geht es um Leitfähigkeit, nicht um Haltbarkeit.
Warum ist das wichtig? Weil eine schlechte Verbindung Widerstand erzeugt. Und Widerstand erzeugt Wärme. Und Wärme kann zu Überhitzung, Isolationsversagen und schlimmstenfalls zu einem Brand führen. Deshalb gibt es strenge Normen wie die VDE 0620, die vorschreiben, dass Übergangswiderstände bei hochstromführenden Verbindungen unter 1 mΩ liegen müssen. Nur eine perfekt crimpete Verbindung erreicht das.
Presszangen: Die Werkzeuge, die die Verbindung schaffen
Nicht jede Zange ist gleich. Es gibt drei Haupttypen, und die Wahl entscheidet über Sicherheit, Geschwindigkeit und Arbeitskomfort.
- Manuelle Presszangen: Einfach, günstig, leicht. Ideal für kleinere Querschnitte bis 16 mm², wie sie in Wohnungen üblich sind. Die Kraft kommt allein von deiner Hand. Aber ab 25 mm² wird es mühsam - und ungleichmäßig. Viele Billigmodelle verlieren nach 50 bis 100 Vorgängen ihre Präzision. Das Ergebnis? Locker sitzende Verbindungen, die sich lockern oder überhitzen.
- Hydraulische Presszangen: Diese Werkzeuge nutzen eine Hydraulikpumpe, die mit jedem Griff Druck von bis zu 12 Tonnen erzeugt. Das ist die Norm für Gewerbe- und Industrieanlagen. Sie arbeiten gleichmäßig, unabhängig davon, wie müde du bist. Für Kabel über 50 mm² sind sie Pflicht. Modelle wie die Lapp CRIMPZANGE CSA 0760 oder das Haupa Smart SD300-6 sind Standard in professionellen Elektrofirmen. Der Nachteil? Gewicht. Einige wiegen über 4 kg. Und sie brauchen Wartung: Ölwechsel, Kalibrierung, Pressformen-Austausch.
- Akkubetriebene Crimper: Der neue Trend. Mit einem Akku statt Hydraulikflüssigkeit. Leichter als hydraulische Systeme, aber fast genauso leistungsstark. Das Haupa Smart SD300-6 ist ein Beispiel: Es hat integrierte Sensoren, die den Druck überwachen und dir anzeigen, ob die Verbindung vollständig war. Kein Raten. Kein Risiko.
Die Entscheidung ist simpel: Für den Hausbau reicht eine gute manuelle Zange. Für Gewerbe, Industrie oder große Kabelquerschnitte ab 16 mm² brauchst du hydraulisch oder akkubetrieben. Und vergiss nie: Die Zange muss zur Kabelschuhgröße passen. Ein 120-mm²-Kabel mit einer Zange für 16 mm² zu crimpen? Das ist wie einen Nagel mit einem Zahnstocher einzuschlagen.
Verbinder: Der richtige Kabelschuh macht den Unterschied
Die Zange ist nur die halbe Miete. Der Verbinder ist die andere. Und es gibt nicht „den“ Kabelschuh. Es gibt Dutzende - und jeder hat seinen Zweck.
- Kabelschuhe mit Isolierhülse: Die gängigste Art. Die Hülse schützt die Verbindung vor Berührung und Kurzschluss. Ideal für Verteilerkästen.
- Flach- oder Rundkabelschuhe: Je nach Anschluss. Flach für Schraubklemmen, rund für Steckkontakte.
- Isolierte vs. nicht isolierte: Bei Spannungen über 50 V AC ist Isolierung Pflicht. VDE 0681 sagt es klar.
- Material: Kupfer, verzinkt oder mit Zinn überzogen. Kupfer ist leitfähiger, Zinn verhindert Oxidation - besonders wichtig in feuchten Bereichen wie Keller oder Außenanlagen.
Ein häufiger Fehler: Der Kabelschuh passt nicht zum Kabelquerschnitt. Ein 16-mm²-Kabel in einen 10-mm²-Schuh stecken? Das führt zu ungleichmäßigem Crimpen - und damit zu erhöhtem Widerstand. Die DEIV-Statistik aus 2022 zeigt: 38 % aller Verbindungsfehler in Neubauten kommen von falsch gewählten Verbindergrößen. Nicht von schlechter Zange. Von falscher Wahl.
Die richtige Vorbereitung: Abisolieren ist kein Nebenschauplatz
Bevor du crimpst, musst du abisoliert haben. Und zwar sauber. Keine abgebrochenen Adern. Kein Kupfer, das wie eine Bürste aussieht. Die Knipex-Abisolierzange ist dafür der Standard. Sie arbeitet präzise von 0,08 mm² bis 16 mm² - genau die Größen, die in Wohnungen vorkommen. Für größere Kabel nutzt man mechanische Abisolierer oder sogar die Zange mit eingebauter Abisolierfunktion.
Wichtig: Die Länge des abisolierten Kabels muss exakt der Länge des Kabelschuhs entsprechen. Zu kurz? Dann sitzt der Schuh nicht richtig. Zu lang? Dann ragen Adern raus - und das ist ein Kurzschlussrisiko. Ein guter Elektriker prüft das mit dem Auge - und manchmal mit einem Lineal. Kein Herumprobieren.
Profis wissen: Kalibrieren, prüfen, dokumentieren
Ein professionelles Werkzeug ist kein Einmalprodukt. Es braucht Pflege.
- Kalibrierung: Jedes 500. Crimpen sollte die Druckkraft überprüft werden. Das Haupa-Handbuch empfiehlt das explizit. Sonst verliert die Zange ihre Präzision - und du merkst es erst, wenn die Verbindung heiß wird.
- Prüfen: Nach dem Crimpen: Mit einem Widerstandsmesser prüfen. Der Übergangswiderstand muss unter 1 mΩ liegen. Das ist nicht optional. Das ist VDE-Norm.
- Dokumentieren: In Gewerbe- und Industrieinstallationen wird jede Verbindung protokolliert. Warum? Weil bei einer Inspektion oder einem Schadensfall nachgewiesen werden muss: Die Verbindung war korrekt. Kein „Ich hab’s doch nur so gemacht“.
Ein Installateur aus Bremen, der seit 15 Jahren in Neubauten arbeitet, sagt: „Ich hab mal einen Kasten mit 200 Verbindungen gemacht - mit einer billigen Zange. Nach drei Jahren hat sich eine Stelle überhitzt. Die ganze Leitung musste raus. Die Zange hat 150 Euro gekostet. Die Reparatur: 4.200 Euro.“
Was kommt als Nächstes? Intelligente Crimpzangen
Die Zukunft ist digital. Hersteller wie Lapp und Knipex arbeiten an Zangen mit integrierter Sensorik. Sie erkennen automatisch, welcher Kabelschuh eingesetzt wird, prüfen den Druck in Echtzeit und leuchten grün auf, wenn die Verbindung perfekt ist. Einige Modelle speichern sogar die Daten - für die Dokumentation. Das Fraunhofer-Institut prognostiziert bis 2027, dass 60 % der professionellen Crimpzangen mit Smart-Funktionen ausgestattet sein werden. Es ist nicht mehr nur Werkzeug. Es ist Qualitätskontrolle.
Frequently Asked Questions
Kann ich mit einer manuellen Presszange große Kabel crimpen?
Nein. Ab etwa 16 mm² Kabelquerschnitt wird die Kraft einer manuellen Zange unzureichend. Die Adern werden nicht gleichmäßig zusammengedrückt, was zu erhöhtem elektrischen Widerstand führt. Das kann zu Überhitzung und Brand führen. Für Kabel ab 25 mm² ist eine hydraulische oder akkubetriebene Zange Pflicht - nicht nur empfohlen.
Was passiert, wenn ich den falschen Kabelschuh verwende?
Du erhältst eine unsichere Verbindung. Wenn der Schuh zu klein ist, können sich die Adern nicht richtig verformen - der Kontakt ist locker. Wenn er zu groß ist, liegen die Adern nicht fest an, und es entsteht ein Spalt. Beides erhöht den Übergangswiderstand. Laut DEIV-Statistik 2022 sind 38 % aller Verbindungsfehler in Neubauten auf falsch gewählte Kabelschuhe zurückzuführen. Es ist kein kleiner Fehler - es ist ein Sicherheitsrisiko.
Brauche ich eine hydraulische Zange für den Wohnungsneubau?
Nicht unbedingt. In Wohnungen kommen meist Kabel bis 16 mm² vor. Eine gute manuelle Presszange reicht hier aus. Aber wenn du auch größere Leitungen verlegst - z. B. für die Warmwasserbereitung, die Klimaanlage oder eine Ladesäule - dann solltest du mindestens eine akkubetriebene Zange haben. Sie ist leichter als hydraulisch, aber leistungsfähig genug für bis zu 95 mm².
Wie erkenne ich eine gute Crimpzange?
Drei Merkmale: Erstens, wechselbare Pressformen für verschiedene Kabelschuhgrößen. Zweitens, ein robustes, nicht leichtes Gehäuse - Billigmodelle biegen sich beim Drücken. Drittens, klare Kennzeichnung der verwendbaren Kabelquerschnitte. Hersteller wie Knipex, Lapp oder Haupa liefern detaillierte Anleitungen. Und: Sie haben eine Kalibrierungskennzeichnung. Wenn du keine Anleitung findest, lass es bleiben.
Warum ist die VDE-Norm so wichtig?
Weil sie Leben rettet. Die VDE 0620 und 0681 legen fest, wie elektrische Verbindungen sicher hergestellt werden müssen. Eine crimpete Verbindung, die nicht den Normen entspricht, ist nicht nur unprofessionell - sie ist rechtlich riskant. Bei einem Brand kann die Versicherung die Schadensregulierung verweigern, wenn nachgewiesen wird, dass die Verbindung nicht normkonform war. Das gilt auch für Handwerker: Wer gegen die VDE-Normen verstößt, macht sich strafbar.