Wenn du dein Haus renovierst, eine neue Wohnung baust oder einfach nur eine Steckdose umziehst: Jede Elektroinstallation muss dokumentiert werden. Das ist nicht nur eine Empfehlung, sondern ein Gesetz. In Deutschland gilt das seit 2020 klar und deutlich: Wer eine elektrische Anlage errichtet, muss sie auch ordentlich aufschreiben. Sonst ist es im Schadensfall nicht nur ärgerlich - es kann teuer werden. Versicherungen weigern sich oft, zu zahlen, wenn keine Dokumentation vorliegt. Und wer die Anlage später verkaufen will, muss sie vorzeigen. Keine Ausreden. Keine Halbheiten.
Was genau muss dokumentiert werden?
Nach der DIN 18015-1:2020-05 gibt es sechs Pflichtelemente, die du nicht vergessen darfst. Keine davon ist optional. Sie alle zusammen bilden das Fundament für Sicherheit und Nachvollziehbarkeit.
- Installationsplan: Zeigt, wo jedes Kabel verläuft - von der Verteilerdose bis zur letzten Steckdose. Auch Lichtschalter, Heizkörperthermostate und Rollladenmotoren müssen drauf. Ein einfacher Skizze reicht nicht. Es muss maßstabsgetreu sein, mit genauen Abständen und Verbindungen.
- Stromlaufplan: Hier steht, welcher Schalter welchen Kreis schützt. Wenn du später mal einen FI-Schutz auslösen musst, solltest du sofort wissen, welcher Raum betroffen ist. Kein "Irgendeiner". Jeder Schalter muss klar benannt sein: "Wohnzimmer Steckdosen", "Küche Herd", "Bad Heizung".
- Aufbauzeichnung oder Foto des Verteilers: Ein klares Foto von deinem Hauptschaltkasten, mit allen Leitungen, Schaltern und Bezeichnungen. Wenn du das nicht hast, weiß niemand, was dahinter steckt. Nicht mal du selbst, wenn du nach 10 Jahren mal wieder nachschauen willst.
- Änderungsvermerke: Wer hat was geändert? Wer hat eine Steckdose nachgezogen? Wer hat eine Wallbox installiert? Jede Änderung, egal wie klein, muss mit Datum, Name und Unterschrift dokumentiert werden. Sonst wird aus der Originalanlage ein Wirrwarr.
- Prüfprotokolle: Nach jeder Installation oder größeren Änderung muss ein Prüfprotokoll nach DIN VDE 0100-600 erstellt werden. Das enthält Messwerte: Isolationswiderstand, Schutzleiterwiderstand, Funktionstest der Schutzschalter. Ohne diese Protokolle ist die Anlage nicht rechtsgültig.
- Wartungsintervalle: Seit 2021 ist das Pflicht: Du musst festlegen, wann du FI-Schutz, Rauchmelder und Überspannungsschutz prüfen lässt. Einmal im Jahr? Alle zwei Jahre? Das steht schwarz auf weiß in deiner Dokumentation. Und du musst es einhalten.
Warum ist das so wichtig?
Stell dir vor: Dein Nachbar baut eine Wand durch, und plötzlich ist das Licht aus. Kein Schalter flippt. Kein Kabel sichtbar. Du rufst den Elektriker - aber er kann nicht sagen, wo das Kabel verläuft. Er muss mit dem Messgerät durch die Wand fahren. Stunden. Geld. Stress. Und das alles, weil vor 15 Jahren jemand die Dokumentation nicht gemacht hat.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Laut einer Studie des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) aus 2022 fehlte in 42 Prozent aller privaten Haushalte eine vollständige Elektro-Dokumentation. Und in 37,8 Prozent der Prüfungen durch die VDE führte unvollständige Dokumentation zu konkreten Sicherheitsrisiken. Das ist kein Zufall. Das ist vermeidbar.
Und was passiert, wenn es schlimm wird? Ein Brand. Ein Kurzschluss. Ein Stromschlag. Die Versicherung fragt: "Haben Sie die Dokumentation?" Wenn du nein sagst, wird sie deine Ansprüche ablehnen. Nicht weil sie ungerecht ist. Sondern weil das Gesetz es so vorschreibt. Nach § 49 EnWG bist du als Eigentümer verantwortlich. Und § 13 NAV sagt: Du musst die Anlage ordnungsgemäß instand halten. Ohne Dokumentation? Das ist kein Nachweis. Das ist ein Risiko.
Was ist erlaubt? Was ist Pflicht?
Es gibt zwei große Irrtümer:
Irrtum 1: "Ein Foto reicht aus."
Nein. Ein Foto vom Verteiler ist gut. Aber es ersetzt nicht den Stromlaufplan. Du musst wissen, welches Kabel wo hingeht. Ein Foto zeigt nur, was draufsteht. Nicht, was dahinter ist.
Irrtum 2: "Das ist nur für Gewerbe relevant."
Falsch. Die DIN 18015-1 gilt explizit für Wohngebäude. Für Gewerbe gibt es andere Normen (DIN VDE 0100-700), die noch strenger sind. Aber im Haus, in der Wohnung, im Einfamilienhaus - da gilt die gleiche Pflicht wie bei einem Bürogebäude.
Die Dokumentation muss schriftlich sein. Das bedeutet: Papier oder digital. Beides ist erlaubt. Das Oberlandesgericht Hamm hat 2022 klargestellt: Eine PDF-Datei auf einem USB-Stick, die der Eigentümer behält, ist rechtlich gültig. Solange sie vollständig, aktuell und nachvollziehbar ist. Aber: Wenn du sie nur auf deinem Laptop hast und der kaputtgeht? Dann ist sie weg. Also: Drucke sie aus. Und gib eine Kopie an den Elektriker, der die Anlage gebaut hat. Oder an den Vermieter. Oder an die Hausverwaltung.
Was ist der häufigste Fehler?
Der größte Fehler? Nicht aktualisieren.
78,2 Prozent der Prüfer finden bei Inspektionen: Die Stromlaufpläne sind veraltet. Eine neue Steckdose wurde eingebaut. Ein Ladekabel für das E-Auto wurde verlegt. Ein Lichtschalter wurde umgezogen. Aber niemand hat es dokumentiert. Der Plan hängt noch immer an der Wand, wie vor 12 Jahren. Das ist keine Dokumentation. Das ist ein Lügengespinst.
Und das ist gefährlich. Weil jemand, der später arbeitet - ein Handwerker, ein Elektriker, ein Feuerwehrmann -, davon ausgeht, dass die Anlage so ist, wie sie im Plan steht. Und wenn er dann ein Kabel durchschneidet, das nicht mehr da ist? Dann kann es brennen. Oder es gibt einen Stromschlag.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Nutzer namens "ElektroMeister89" berichtete auf Reddit, dass nach einem Brand seine Versicherung die Leistung verweigerte - weil die Dokumentation nicht mit dem tatsächlichen Zustand übereinstimmte. Keine Rechnung. Kein Protokoll. Keine Änderung. Nur ein alter Plan. Die Versicherung sagte: "Das ist kein Beweis für eine sichere Anlage."
Wie machst du das praktisch?
Keine Angst. Es muss nicht perfekt sein. Es muss nur vollständig und aktuell sein.
Schritt 1: Hol dir alle Unterlagen vom Elektriker. Wenn er dir nichts gegeben hat, frage nach. Ein guter Elektriker macht das von selbst. Ein schlechter nicht. Dann musst du es nachfordern.
Schritt 2: Mache Fotos. Von jedem Schaltkasten. Von jeder neuen Leitung. Von jeder neuen Steckdose. Mit einem Stift auf den Bildern: "2025-03-15, neue Steckdose Wohnzimmer, installiert von Max Mustermann". Das ist so einfach. Und so wirksam.
Schritt 3: Nutze digitale Tools. Hager Ready, Hagercad, oder auch kostenlose Apps wie "Elektroplaner" von ZVEH - sie helfen dir, Pläne zu zeichnen, Fotos zu verknüpfen und Änderungen zu protokollieren. Laut Hersteller beschleunigen diese Tools die Dokumentation um bis zu 60 Prozent. Und sie speichern alles digital - mit Datum, Ort, Name.
Schritt 4: Leg eine Mappe an. Papier oder Ordner auf dem PC. Nenne sie "Elektro-Dokumentation [Adresse]". Und füge hinzu:
- Installationsplan (PDF oder gedruckt)
- Stromlaufplan mit Schalterbelegung
- Fotos des Verteilers (mit Beschriftung)
- Prüfprotokolle (jedes einzelne)
- Wartungsplan mit Intervallen
- Änderungsprotokoll (Datum, Was, Wer)
Und vergiss nicht: Jedes Mal, wenn du etwas änderst - update es. Sofort. Nicht morgen. Nicht nächste Woche. Jetzt.
Was kommt als Nächstes?
Die Zukunft ist digital. Bis 2026 soll die Dokumentation von Elektroanlagen in Deutschland vollständig mit Building Information Modeling (BIM) verknüpft sein. Das bedeutet: Dein Haus wird als 3D-Modell gespeichert. Und darin sind alle Kabel, Schalter, Leitungen sichtbar. Du kannst sie anklicken. Und siehst sofort: Welcher Schalter ist wo? Welche Leitung führt wohin?
Bis dahin: Mach es heute richtig. Nutze die Tools, die es gibt. Dokumentiere jede Änderung. Halte alles aktuell. Denn Elektroinstallationen sind kein "Einmal-Workshop". Sie sind ein lebendiger Teil deines Hauses. Und wie jede lebendige Sache brauchen sie Pflege. Und sie brauchen eine Geschichte. Deine Dokumentation ist diese Geschichte.
Und wenn du sie hast? Dann kannst du beruhigt schlafen. Weil du weißt: Wenn etwas passiert, hast du den Nachweis. Und das ist mehr als nur ein Stück Papier. Das ist Sicherheit.
Muss ich die Elektro-Dokumentation immer ausdrucken?
Nein. Digitale Formate wie PDF, USB-Stick oder Cloud-Speicher sind rechtlich zulässig, wie das OLG Hamm 2022 klargestellt hat. Aber: Du solltest eine gedruckte Kopie haben. Denn wenn der Strom ausfällt, ist dein Laptop nutzlos. Und wenn du die Anlage verkaufst, brauchst du etwas Physisches zum Vorzeigen. Also: Digital speichern, aber auch ausdrucken.
Was passiert, wenn ich die Dokumentation nicht habe?
Du bist nicht strafbar - aber du bist haftbar. Wenn ein Schaden eintritt (Brand, Stromschlag, Wasserschaden durch Kurzschluss), kann deine Versicherung die Leistung verweigern. Außerdem musst du bei einer Prüfung durch den Netzbetreiber oder bei einer Baugenehmigung die Dokumentation vorlegen. Ohne sie riskierst du rechtliche Konsequenzen und finanzielle Einbußen.
Kann ich die Dokumentation selbst erstellen?
Ja. Aber nur, wenn du die technischen Anforderungen kennst. Die DIN VDE 0100-600 und die DIN 18015-1 sind komplex. Ein Elektriker hat die Ausbildung dafür. Wenn du es selbst machst, musst du genau wissen, was ein Isolationswiderstand, ein Schutzleiterwiderstand oder ein Potentialausgleich ist. Sonst machst du mehr Schaden als Nutzen. Empfehlung: Lass den Elektriker die Grunddokumentation erstellen - und du ergänzt Änderungen selbst.
Wie oft muss ich die Dokumentation aktualisieren?
Jedes Mal, wenn du etwas an der Elektroanlage änderst. Ob es eine neue Steckdose ist, eine Wallbox, ein Lichtschalter oder eine Verlängerung - jede Änderung muss sofort dokumentiert werden. Es gibt keine feste Frist wie "jährlich". Die Regel lautet: Aktuell halten. Immer. Sonst ist die Dokumentation wertlos.
Was ist mit Mietwohnungen?
Der Vermieter ist verpflichtet, die Dokumentation zu führen und aufzubewahren. Du als Mieter hast keinen rechtlichen Anspruch darauf, sie zu sehen - aber du kannst sie anfordern. Wenn du bauen oder renovieren willst (z. B. eine Steckdose nachziehen), muss der Vermieter die Dokumentation vorlegen. Sonst darf der Handwerker nicht arbeiten.
Kann ich die Dokumentation digital mit Fotos verknüpfen?
Ja. Das ist sogar empfohlen. Mit Apps wie Hager Ready kannst du Fotos von Schaltkästen hochladen, sie mit den dazugehörigen Leitungen verknüpfen und Beschriftungen hinzufügen. So wird die Dokumentation lebendig. Du siehst nicht nur, wo das Kabel liegt - du siehst es auch. Das macht Nachvollziehen leichter als jede Zeichnung.